Hörst Böhm ist eine echtes „Original“ – ein Unikat, wie er sich selbst bezeichnet. Und das trifft nicht nur auf ihn zu, sondern auch auf seine Modelle. Ihm ist wichtig, dass auf einem Flugtag kein zweites Modell auftaucht, dass so aussieht wie sein. Entsprechen Exklusiv sind seine Eigenbauten. Und groß sind sie auch. 3, 4 oder gar 5 Meter Spannweite sind für Böhm nichts Besonderes.

Wenn jemand sein ganzes Leben dem Modellflug verschrieben hat, muss der Grundstein dafür schon früh gelegt worden sein. Und so war es auch bei Horst Böhm, der im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen ist: „Ich hatte damals einen Freund, der mich zu sich nach Hause eingeladen hat. Dort haben wir dann zusammen an seinem Modell herumgebastelt. Ich erinnere mich noch, wie wir am Küchentisch seiner Eltern mit der Laubsäge Teile ausgesägt haben. Damals hatten wir keine Sägeunterlage, sodass wir ab und zu auch mal in den Tisch gesägt haben. Seine Mutter hat immer geschimpft, weil der Küchentisch natürlich irgendwann kaputt war. So habe ich auch mit dem Modellbau begonnen und bin bis zum Ende des Krieges dabei geblieben.“

Schwierige Verhältnisse

Was für die meisten heutzutage undenkbar ist, war für Horst Böhm Realität: Aufwachsen im Krieg. Und er erinnert sich noch gut daran, wie es damals war: „Im Krieg gab es nur 1-Millimeter-Sperrholz. Rippen wurden daher zum Beispiel aus Gewichtsgründen innen hohl gemacht. Bespannt wurde das Ganze dann mit Papier. Dazu ein bisschen Leim – viel mehr gab es nicht. Mit den fertigen Modellen sind wir dann an einen kleinen Hang in der Nähe von Breslau gegangen, wo ich damals wohnte, und haben die Segler fliegen lassen. Meist reichte es nur für einen Start, dann waren die Modelle kaputt. Fernsteuerungen hatten wir damals schließlich noch nicht.“

Damals war Horst Böhm 11 Jahre alt und baute seine „Jungvolk 1942“. Nach dem Krieg flüchtete er 1952 aus der DDR und fing im Westen 1955 wieder mit dem Modellbau an. Zu diesem Zeitpunkt gab es dann schon wieder bessere Materialien. Er wohnte in einem Lager für Bergbauleute in Kupferdreh und war selbst sieben Jahre im Bergbau tätig. „Ich hatte damals ein kleines Modell mit Gummimotor gebaut. Nach dem Start flog es immer weiter weg und wurde am nächsten Tag im 6 Kilometer entfernten Velbert gefunden. Es kam die Polizei zu mir und hat mir erzählt, dass mein Modell gefunden wurde. Damals eine große Sache. Sogar ein Pressefotograf machte Aufnahmen von meinem Modell und mir, so kam ich das erste Mal in die Zeitung.“

Tapetenwechsel

Doch das Gummimotormodell war nur der Anfang. Horst Böhm hängte seinen Beruf in der Zeche an den Nagel und zog nach Velbert um. „Ich traf Anfang der 1960er-Jahre den Besitzer eines Modellbauladens in Velbert. Er war selbst Pilot einer Me-109 im Zweiten Weltkrieg gewesen. Da ich selbst immer den Traum hatte, Pilot zu werden, weil ich in Breslau in der Nähe des Flugplatzes gewohnt hatte, gab er mir den Tipp, zu einem Flugverein in Velbert zu gehen. Das war 1962. Ich stellte mich dort vor und begann zunächst mit Segelflug – manntragend allerdings. Es folgte noch ein Flugschein für Motorsegler. Dem Modellbau bin ich aber dennoch immer treu geblieben.“ Bei einem Flug mit seiner zweiten Frau nach Reichelsheim lernte Böhm dann jemanden kennen, der eine Ju-52 hatte. Ein Modell mit 3,60 Meter Spannweite, mit echter Wellblech-Außenhaut. „Das hat mich sehr beeindruckt und fasziniert. Der Herr bot mir an, mir die Pläne dafür zur Verfügung zu stellen. Also kam ich später mit einem Fliegerkollegen noch einmal wieder und erwarb die Pläne für 100,- Mark. Viel Geld damals.“

Doch es sollte nicht bei einer Tante Ju bleiben. Bis heute hat Böhm sieben Stück von diesem Typ gebaut. In den Vereinen in Nordrhein-Westfalen kennen seine Modelle nicht nur deswegen viele. „Das Vereinsleben gehört für mich einfach dazu. Sogar heute treffen wir Vereins-Senioren uns noch jeden Mittwochnachmittag zum Kaffeetrinken. Bei schönem Wetter wird dann natürlich auch geflogen.“ Bei solchen Treffen mit Gleichgesinnten hat Horst Böhm immer viel zu erzählen. Schließlich hat er im Laufe seiner Laufbahn schon geschätzt 100 Flugmodelle gebaut. Dabei gab es einige Highlights. „Da ich bis auf ganz wenige Ausnahmen alle Modelle selbst gebaut habe, war für mich jeder Erstflug ein Höhepunkt. Meistens lief dabei aber alles glatt.“

Kurzweilige Baukästen

Die erwähnte Ausnahme betraf übrigens eine ein Baukastenmodell von Graupner: „Ich habe in den 1960er-Jahren mal eine Piper von Graupner gebaut. Aber das hat mich nicht fasziniert – es ging mir zu schnell. Nach wenigen Tagen war ich schon fertig. Normalerweise baue ich nur zwei Modelle pro Jahr.“ Doch bevor es an den Bau geht, muss natürlich erstmal die Entscheidung gefällt werden, welches Vorbild denn Pate für den neuesten Nachbau stehen soll. „Erstmal muss mir ein Flugzeug natürlich gefallen. Flugzeuge sind ein bisschen wie hübsche Frauen: Man sieht schon auf den ersten Blick, ob einem ein Muster optisch gefällt. Und das ist besonders wichtig. Die Komplexität der Konstruktion rückt dann auch schon mal in den Hintergrund. Erst im zweiten Schritt prüfe ich anhang von Fotos, ob das Modell umsetzbar ist. Und das nicht nur baulich, sondern natürlich auch finanziell. Bisher sind auch alle Modelle, die ich angefangen habe, auch fertig geworden und abgehoben. Auf Baupläne verzichte ich dabei meistens. Ein paar Fotos oder Skizzen reichen mir.“

Wenn es dann los geht, muss ein Modell nicht nur gut aussehen, sondern auch gut funktionieren. Bei Flugzeugen unerlässlich ist daher Leichtbau. Die meisten größeren Modelle mit 3, 4 oder 5 Meter Spannweite entstehen bei Horst Böhm daher in Sandwichbauweise aus Styropor mit Balsa-Beplankung. Das ist gegenüber beispielsweise GFK-Konstruktionen mit aufwändigen Formen immer noch die günstigere Variante – und funktioniert hervorragend. Es sind aber aber auch schon Modelle komplett in Stäbchen-Holzbauweise entstanden und auch Voll-Aluminium-Konstruktionen waren dabei. „Ein Freund von mir hatte sich vor einigen Jahren ein Ultraleicht-Flugzeug der Marke Breezer gekauft. Nach einem Probeflug war ich nicht nur von den tollen Flugeigenschaften überzeugt, sondern auch die Konstruktion komplett aus Metall, verbunden mit Pop-Nieten hat mich sofort angesprochen. Ich sagte damals zu meinem Freund, dass ich die Maschine nachbauen wolle. Erst hat er mich für verrückt erklärt, aber ein halbes Jahr später stand das fertige Modell vor ihm. 8.000 Nieten habe ich verarbeitet. Am Ende hat mir mein Freund das Modell sogar abgekauft, weil sie ihm so gut gefiel. Inzwischen weiß auch die Firma Breezer von meinem wohl einmaligen Nachbau.“

Seltenheitswert

Und einmalig ist nicht nur Böhms Breezer-Nachbau, sondern es ist eine Art Grundsatz für ihn. „Ich bevorzuge Modelle, die man auf Flugtagen nicht so häufig antrifft. Ich möchte am liebsten immer ein Flugzeug haben, das sonst niemand hat. Das ist auch heute noch so und mir besonders wichtig, wenn ich Flugtage besuche.“ Aufgrund seines Alters fährt Böhm heute nicht mehr weiter als 100 Kilometer zu Flugtagen oder Treffen. Früher war er jedoch in ganz Deutschland bekannt und bekam von überall Anfragen, ob er mit seinen Modellen Flugtage besuchen möchte.“

Die Beliebtheit von Böhms Modellen kommt nicht von ungefähr. „Ich versuche in meinen Modellen immer eine Besonderheit einzubauen. Beispielsweise bewegen sich bei meiner Ju-52 die Steuerhörner in den Händen der Piloten. Bei einer Tiger Moth, die ich mal gebaut habe, konnte der Pilot immer im Vorbeiflug winken und der Schal flatterte im Wind. Damit bin ich sogar ins Fernsehen gekommen.“ Die Ju-52 zählt ohnehin zu Böhms Lieblingsmodellen. „Alle meine sieben Ju-Nachbauten entstanden aus Alu-Wellblech wie das Original.“ Doch inzwischen hat Böhm selbst nur noch eine Maschine dieses Typs. „Eine Maschine ist nach Amerika gegangen. Der Besitzer ist vor einigen Jahren verstorben, und der Sohn hat sie wieder zurück nach Deutschland geholt. Eine andere fliegt in Freiburg, eine steht in Sinsheim im Museum die anderen wurden ebenfalls verkauft. Lediglich eine ist abgestürzt.“

Kommen und gehen

Doch auch wenn Böhm schon viele Maschinen gebaut hat und noch immer alle paar Monate eine neue Konstruktion seine Werkstatt verlässt, ist sein eigener Modell-Hangar nur mäßig gefüllt. „Ich muss als Rentner natürlich aufpassen, dass sich dieses Hobby finanziell trägt. Wenn also jemand kommt und mir gutes Geld für ein Modell bietet, verkaufe ich es. Denn in erster Linie bin ich ja Modellbauer. Das Fliegen wird mir meistens schon nach dem zweiten Start langweilig – dann muss was Neues her.“ Das Geld wird dann entweder in neue Projekte investiert oder auch mal in andere Dinge: „Vom Verkauf meiner DC-6 konnte ich mir die Augen lasern lassen. Der Verkauf tat zwar weh, aber meine Augen waren dann doch wichtiger.“

Für Böhm, der bei schönem Wetter fast jeden Tag auf dem Flugplatz anzutreffen ist, bietet der Modellflugsport unheimlich viel. „Modellflug macht Spaß bis ins hohe Alter. Für andere Hobbys habe ich auch gar keine Zeit. Modellbau füllt mich vollständig aus. Körperlich und geistig hält mich dieses Hobby fit.“ Diese Faszination merken natürlich auch andere. Oft wird Böhm die Frage gestellt, weshalb er nicht Konstrukteur geworden ist. Doch das stand für ihn nie zur Debatte: „Es sollte für mich ein Spaß bleiben und kein Beruf.“

Es geht weiter

Bei so viel Hingabe für das Hobby kommen die Fragen eines Journalisten natürlich eher ungelegen. Schließlich wartet im Keller schon das neueste Projekt: „Im Moment baue ich ein italienisches Flugzeuge. Eine Tecnam 2016, dessen Vorbild sich gerade in der Erprobung befindet. Das Original hat zwei Propellerantriebe mit jeweils 375 PS. Es ist aber auch geplant, das Flugzeug mit Turboprop-Antrieben auszustatten. Und dem komme ich mit meinem Modell zuvor – meine Tecam hat bereits zwei Turboprops.“ Ende Januar hat Böhm mit dem Bau begonnen. Die Fertigstellung ist für Ende März geplant.

Jan Schnare