Der folgende Text fasst Wesentliches dessen zusammen, was seit dem 22. August 2016 über europäische Regelungen für den Modellflug diskutiert wurde. Denn am 22. August veröffentlichte die “Europäische Agentur für Luftsicherheit” EASA mit Sitz in Köln auf 88 Seiten in schwer verständlichem Fach-Englisch ihre Vorstellungen einer Regulierung des Betriebs von unbemannten Flugzeugen unter 25 kg – eine Aufgabe, für die sie vom EU-Parlament erst noch ermächtigt werden muss. Darum nannte die EASA ihr Papier “Prototype”. Hintergrund der Regelungen ist der millionenfache Betrieb von Multikoptern in allen europäischen Ländern jenseits von Vorschriften und Gesetzen. Und weil das Papier den Betrieb von Flugmodelle im europäischen Luftraum den gleichen Bestimmungen wie Drohnen unterwerfen will, erzeugte es Aufruhr.

22. August 2016
EASA sagt: Ein Flugmodell ist eine Drohne, eine Drohne ist ein Flugmodell
Modellflieger horchen auf, wenn unter Artikel 2 “Definitionen” der Gegenstand des Prototype-Papiers “UA”, “unmanned aircraft”, genannt wird. Für die EASA ist alles, was ohne menschliche Besatzung fliegt, ein UA.

Keinen Mann an Bord hat auch jedes Flugmodell, das seit Alphonse Pénauds “Planophore” von 1872 zu fliegen in der Lage ist. Doch die 72 Seiten des Prototype kreisen ausschließlich um das, was umgangssprachlich (wie in der Sprache des internationalen Luftsports) “Drohne” genannt wird. Das Papier soll einmal die Bestimmungen der EU Kommission werden für “Design, Produktion, Wartung und Betrieb von unbemannten Flugsystemen (UASs) und ihren Antrieben, Propellern, Teilen, nicht eingebautem Zubehör und ihrer Fernsteuerung”. Da nach Einschätzung der EASA der Betrieb von UA nach Eigenschaften und Aufgaben variiert, sollen die Vorschriften umso strenger werden, je höher das Risiko eingeschätzt wird. Geplant sind auch Definitionen und Normen für Hersteller.

Vorgesehen sind drei Kategorien von UA. Die “offene” benötigt keine Erlaubnis der Luftaufsicht, bevor der Betrieb stattfindet; sie hat vier Unter-Kategorien. A0 hat ein Fluggewicht von unter 250 g, sie soll nicht höher als 50 m steigen und sich nicht mehr als 100 m vom Piloten entfernen können. A3 darf bis zu 25 kg wiegen und 150 m hoch steigen. Eine zweite “spezifische” genannte Kategorie verlangt für den Betrieb die Autorisierung durch die Behörde. In der dritten, der “zertifizierten” Kategorie muss nicht nur das UA selbst zertifiziert sein, der Pilot muss auch eine Lizenz besitzen und der Techniker, der das Gerät betreut, von der Luftaufsicht anerkannt sein.

Bis 2019 soll der kommerzielle Betrieb wie die auf dem Markt angebotenen UASs (Unmanned Aircraft Systems) den Regularien entsprechen und ab 2020 sollen UA nur noch im Rahmen europäischer Regeln fliegen dürfen. Und der Modellflug? Für ihn sollen die gleichen Regeln gelten!

Um den vermuteten Zorn der Modellflieger zu dämpfen, gibt es Artikel 15. Er verleiht Verbänden oder Klubs Behördenstatus bei der Erteilung einer Betriebserlaubnis für die zweite, die “spezifische” Kategorie von UA. In diese würden nach Meinung der EASA herkömmliche Flugmodelle passen; beauftragte (Modellflug-)Verbände sollen manche Bestimmung sogar selbst definieren können. Doch es bleiben die Grenzen: 150 m Flughöhe, der Pilot muss 14 Jahre alt sein, er muss sich national registrieren lassen und die Nummer muss auf dem Modell stehen.

Warum man nicht Modellflug und Drohnen unabhängig voneinander regelt? “Wir haben es versucht”, schreiben die EASA-Autoren. “Es ist schwierig, weil ein Flugmodell ein ‘unmanned aircraft’ ist.” Keiner der Fachleute, die bei der EASA mitarbeiten, hat festgestellt, dass hier ein klassischer Zirkelschluss vorliegt: Man setzt etwas voraus, und ist zufrieden, wenn eine direkte Ableitung die These bestätigt.

12. Sept. 2016
“Knacken einer nicht vorhandenen Nuss mit dem Vorschlaghammer”
Als erster meldete sich Dave Phipps zu Wort. Er ist Geschäftsführer des BMFA, des britischen Modellflugverbandes und Modellflug-Experte von Europe Air Sports (EAS), einer Lobby-Organisation für den europäischen Luftsport, die der FAI angeschlossen ist. Er hatte wohl auch vergleichbar wenig Mühe beim Lesen der 88 Seiten: “Die EASA kann Modellflug nicht als eine Aktivität begreifen”, schrieb er entsetzt auf der BMFA Website. “Ihre Vorschläge sind ein gutes Beispiel schlimmster Exzesse von EU Regulierung, entwickelt für ein Gebiet, wo es ihrer nicht bedarf… Ein Vorschlaghammer, um eine nicht existente Nuss zu knacken.” Dave Phipps weiter: Wenn es tatsächlich schwierig sei, eine Definition für “Flugmodell” zu finden, “kann ich doch nicht akzeptieren, dass die EASA unfähig ist, Modellfliegen als Aktivität zu definieren”.

15. Sept. 2016
Bedenken von 88.000 Mitgliedern in Deutschland, die Modellflug betreiben
Höflicher schrieb kurz darauf der DMFV einen langen Brief an die EASA, ohne Dave Phipps’ wortgewaltigen Kommentar zu kennen. Auf sieben Seiten bemühte sich ein Autorenteam, den EASA-Experten den Unterschied zwischen Drohnen-Fliegen und Modellfliegen zu erklären, auf Mängel des “Prototype” hinzuweisen und die in den USA gefundenen Regelungen als Vorbild anzubieten. Mängel bestünden u.a. darin, dass entgegen einer EASA-Erklärung aus dem Jahr 2015 anerkannte Modellflugplätze diesmal nicht von Regulierungen ausgenommen seien. Die EASA dürfe auf keinen Fall organisierte Modellflieger Drohnen-Regularien unterwerfen, solange diese auf erlaubtem Gelände ihren Sport- und Freizeitaktivitäten nachgingen.

“Klassischer Modellflug verlangt erfahrene Piloten.” Das Wissen darüber, wie man ein Flugmodell steuert, werde über Vereine, Magazine und Websites vermittelt; um die Fähigkeit praktisch zu erwerben, bedürfe es des Trainings von Monaten oder Jahren. Ziel sei das Fliegen. Der Zweck von Drohnen sei jedoch ein anderer. Sie seien entworfen, um überall verkauft und ohne spezielle Kenntnisse geflogen zu werden. Ihre Konstruktion garantiere Flugstabilität, sie seien Plattformen für Aufgaben wie Datensammlung, Fotografieren oder Gütertransport. – Sollten die vorgeschlagenen Drohnen-Regeln im Jahr 2020 auch für den Modellflug verbindlich werden, wäre die zweitälteste und am meisten verbreitete Luftsportart am Ende, so das DMFV-Schreiben.

15. Sept. 2016
“Ein großer Schritt in die richtige Richtung”?
Der DMFV hatte seine Stellungnahme auch an die betroffenen europäischen Aeroclubs (einschließlich Norwegen, Schweiz, Liechtenstein und Island) wie an die FAI geschickt; eine Stellungnahme von Norwegen kam als Antwort; sie war schon fertig. Auch der norwegische Aeroclub steigt höflich ein ins Thema, lobt die Initiative, und schreibt dann doch der EASA, dass Norwegen es vorziehe, wenn die Agentur zwischen kommerziell genutzten UA und privat geflogenen Flugmodellen für Sport und Freizeit unterscheiden würde. Auf vier Seiten schlägt Jon Gunnar Wold, Geschäftsführer Modellflug, eine Menge Verbesserungen des Wortlauts vor. Diese, wie das gesamte Schreiben, dürfte die Agentur in Köln bestärkt haben, dass sie – mit ein paar kleinen Änderungen – schon auf dem richtigen Wege sei.

23. Sept. 2016
Dave Phipps und die FAI treffen EASA-Direktor Yves Morier
Weniger angepasst hatte der erwähnte Dave Phipps ein Treffen mit dem verantwortlichen Direktor und Experten der EASA in Köln vorbereitet. Dabei auch der damalige Präsident des Weltluftsport-Verbandes FAI, John Grubbstrom, und Susanne Schödel, FAI Generalsekretärin. Dave Phipps’ Präsentation unterzieht die EASA Prototype-Regeln einer umfassenden Kritik aus Sicht des Modellflugs: “Sie sind für Multirotor-Kamera-Plattformen geschrieben, und versuchen anschließend, den Modellflug irgendwie einzupassen.”

Ähnlich wie das DMFV-Papier vom 15. September stellt Phipps die unterschiedlichen Eigenschaften und Funktionen von RC Flugmodellen und RC Kameradrohnen in einem Schaubild gegenüber. Um dann das Universum von über 100 Flugmodell-Klassen aufzublättern: “Was macht die EASA z.B. mit Eigenkonstruktionen? Fesselflugmodellen? Freiflugmodellen? Modellraketen? Modell-Heißluftballons? Will sie da überall einsteigen, ohne die geringste Ahnung davon?” Er endet versöhnlich: Die internationale Modellflug-Gemeinschaft erkenne an, dass die EASA mit der Regulierung ungesetzlicher Drohnennutzung eine schwierige Aufgabe habe. Und mahnt: Zusammenarbeit sei mit Sicherheit besser, als wenn die Agentur in einen Krieg mit 500.000 europäischen Modellfliegern ziehe.

5. Okt. 2016
“Neue Möglichkeiten für den Modellflug”?
In zwei Papieren suchte – zwei Wochen nach dem Treffen der FAI-Spitze mit der EASA – die Bundeskommission Modellflug im DAeC nach einfachen Lösungen im Guten. So könnten ihrer Meinung nach in “Modellflugzeugen” elektronische Stabilisatoren untersagt werden, die sich an GPS-Daten orientieren und “Modellflugzeuge” so von “technisch komplexen Luftfahrzeugen” abgrenzen. Das andere Papier prophezeit, dass die “Prototype Regulations” in die “Basic Rules” der europäischen Luftfahrt einfließen, “mit mehr oder weniger großen Änderungen”. “Dazu werden sicherlich einige alte Zöpfe abgeschnitten werden müssen…” Doch Artikel 15 eröffne “neue Möglichkeiten für den Modellflug”.

8. Nov. 2016
FAI geht in die Details
Nach dem Treffen mit EASA-Verantwortlichen versuchte die FAI, auf fünf Seiten zusammenzubringen, was nicht zusammen gehört: Die Vorstellung der EASA, Modellfliegen als Drohnen-Sparte zu begreifen, und die Welt des Modellflugs. Insgesamt acht Empfehlungen für eine Definition von Flugmodellen versus Drohnen gehen tief in die Details. Schwierig ist insbesondere, dass die Modellflugorganisation der FAI, die CIAM, gerade eine neue Klasse “Drohnen-Modelle” F3U eingeführt hat, zusammen mit einem Regelwerk für FPV-Rennen. Statt sie anderen Flugmodellen zuzuordnen, sollen sie nach Vorstellung der FAI in EASA-Regelwerken als “ferngesteuerte Drohnenmodelle” berücksichtigt werden, Flugmodelle aber einen eigenen Paragrafen bekommen.

21. Nov. 2016
EASA erklärt sich
Die Ergebnisse eines Expertentreffens fasste die EASA in einer Präsentation zusammen, die sie verbreitete. Als Leser gewinnt man nicht den Eindruck, dass die Agentur aus den vielen Briefen der Betroffenen gelernt hat. Ihre Strategie ist jetzt, Artikel 15 des “Prototype” zu verteidigen, der Verbänden und Klubs eine entscheidende Rolle zuschreibt: Diese sollten sich national autorisieren lassen, in eigener Regie den Betrieb von Flugmodellen wie bisher fortzuführen, und bekämen dafür eine Bestandsklausel zugebilligt.

Vergleicht man den behaupteten guten Willen mit dem Wortlaut des leicht veränderten Artikels 15, wie er jetzt vorgeschlagen wird, bietet die EASA keinen Grund zur Beruhigung. Inhaltlich ist die Agentur keinen Millimeter auf den Modellflug zugegangen. Und hat noch einmal bestätigt, dass sie “Flugmodelle” nicht aus ihrer Regulierung herausnehmen will, weil man ihren Unterschied zu Drohnen nicht definieren könne.

1. Dez. 2016
Bruno Delor lässt die Katze aus dem Sack
Bruno Delor ist Präsident der französischen Modellflugorganisation FFAM, 1. Vizepräsident der CIAM und Vizepräsident der FAI für Frankreich. Er schrieb einen Brief an die europäischen Aeroclubs und die CIAM Delegierten, in dem er sich als Repräsentant der FAI für die Verhandlungen mit der EASA einführt. Sein Schreiben zitiert den neuen Artikel 15 samt seiner Grammatikfehler, stellt fest, dass die EASA den Modellflug nicht aus der Regulierung herausnehmen will, und beschwört die Chance einer Bestandsklausel für den Modellflug. Damit macht er klar, dass – wenn nicht die gesamte FAI, so doch ihr benannter Vertreter, voll auf die Position der EASA eingeschwenkt ist.

1. Dez. 2016
Der Schweizer Modellflug reagiert
Peter Germann, Präsident des Schweizer Modellflugverbandes, schreibt sofort einen Brief an den gleichen Verteiler in Europa.
1. Sein Verband lehne alles ab, was im “Prototype” über Modellflug geschrieben werde.
2. Er dränge den Weltluftsportverband FAI, Detail-Verhandlungen auf Basis des “Prototype” zu unterlassen, da dies eine grundsätzliche Zustimmung zum unerwünschten, grundsätzlichen Ansatz der EASA bedeute.
3. Sein Verband SMV/FSAM schlage vor, Artikel 15 um eine Klausel zu ergänzen, die den gesamten Modellflug aus der Regulierung des Betriebes von unbemannten Flugzeugen herausnehme.

Dieser Brief bekam sofort Zuspruch nicht zuletzt von vielen Schweizer Experten; einer forderte offen, “Bruno Delor müsste sofort das Handwerk gelegt” und ihm das FAI-Mandat entzogen werden.

13. Dez. 2016
Der DMFV unterstützt die Schweizer Position und bekommt eine vorläufige Absage
Für ein angekündigtes EASA-Meeting am 14. Dezember schreibt der DMFV an den zuständigen Direktor, dass er der Position des Schweizer Verbandes unterstütze. Er bittet um eine Möglichkeit, seinen beigefügten Vorschlag für die wohl begründete und abgestimmte Ausnahmeklausel für den Modellflug in Artikel 15 direkt im Detail zu erklären. – Yves Morier antwortet am 14. Dezember ausweichend, dass er die europäischen Verbände insgesamt einzuladen gedenke und wieder auf den DMFV zukommen werde.